Morgen kommt mein Freund zurück. Er fehlt mir und ich habe solche Lust, ihn in den Armen zu halten. Gestern Abend hat er mich angerufen, als sein schwuler Kumpel gerade nicht im Zimmer war. Er habe nachgedacht über das, was ich ihm sagte, bevor er gefahren ist und er fände, er habe doof reagiert. “All die Pärchen am Strand und ich bin hier ohne dich, das ist ätzend”. Obendrein hielte man seinen schwulen Kumpel und ihn für das Pärchen. “Zuerst habe ich dich ein bisschen vermisst, aber jetzt fehlst du mir richtig krass”. Sein bester Freund in Paris ist nach Marokko verzogen, seine beste Freundin zieht nach Rouen. Sein schwuler Kumpel beginnt ihn zu nerven, weil er spürt, dass dieser heimlich verliebt in ihn ist und ihm das zu denken gibt. “Ich hab’ doch nur dich in Paris”. Es berührt mich, jedoch weiss ich nicht, wie ich es auffassen soll, denn es beinhaltet einiges mehr als nur sentimentale Liebesfloskeln. Es bedeutet auch, dass er nach dem Studium Paris verlassen will und möglicherweise davon ausgeht, dass ich mitkomme. Klar, sage ich jetzt, ich gehe mit ihm bis ans Ende der Welt. Doch was ist, wenn es wirklich so weit ist? Und wo sollen wir dann hin? Nach Tschechien? Zwar gefällt es mir dort, doch alles, was ich habe, ist hier. Alles, was er hat, ist dort drüben.
Kurz vor diesem Anruf hatte ich ein Treffen mit einem bookeur, mit dem mich der Verantwortliche der Boutique in Verbindung gebracht hatte. Ein dynamischer Typ meines Alters, der vor seinem Job über ein Jahr lang selbst in der Boutique gearbeitet hat. Wir sind uns bereits im Januar auf einer Modenschau begegnet, ich konnte mich aber nur sehr vage bis gar nicht an ihn erinnern, obwohl er sympathisch daherkommt. Er hat mir jedenfalls wie wild die Hand geschüttelt und mich freudestrahlend begrüsst (dabei hatte ich keinen blassen Schimmer, wer er war), bevor ihn mein Boss fragte, “ob er nicht was für mich tun könnte”. Daraufhin hat mich der bookeur von oben bis unten gemustert und gemeint “klar!” und wir haben Nummern ausgetauscht. Er hat mich dreimal angerufen, aber ich war ein bisschen beschäftigt und wohl wieder mal zu flegmatisch. Er kam ausserdem ziemlich häufig in die Boutique, was mir jedes Mal peinlich war, denn ich hatte ja noch immer nicht zurückgerufen. Als er dann am Freitag, am Samstag und sogar am Montag in die Boutique kam, habe ich ihm endlich eine Textmitteilung geschickt, dass wir uns am Donnerstag nach der Arbeit sehen könnten und ich ihm so meine Sachen zukommen lassen könnte.
Richtig vorbereitet auf das Treffen war ich nicht, weil das Deutschlandspiel mich frustriert hat und ich eine Flasche Smirnoff Ice inhaliert habe und bis 4 Uhr mit einem Kumpel über Musik diskutiert habe. Ich war total gestresst und habe mich bemüht, ungezwungen glamourös auszusehen. Nun, er kam mich um 19.30h abholen und hielt mir einen Helm entgegen. Ziemlich lässig, denke ich, und ich frage mich, ob seine professionellen rendez-vous immer so ablaufen.
Er entführt mich in den Marais und lädt mich in ein Restaurant mit einer sehr coolen Terasse ein und bestellt mir Monaco und Kir Royal und ich bin schnell angetrunken und knabbere an einem Salat herum, an dem eine Ziege sicher mehr Freude hätte. Der bookeur schmeichelt mir, macht mir Komplimente und mehr und mehr wird mir klar, dass er nur einen Vorwand gesucht hat, mich anzubaggern und mir kommt sogar der Verdacht, dass mein Boss darin involviert ist. Obwohl ich mich ärgere, dass es wieder mal ein Luftballon ist, dem man desinteressiert Luft eingehustet hat, die sogleich wieder entströmt, lasse ich mich gerne verführen. Wir diskutieren über das Judentum, nachdem ich seinen goldenen Davidstern an einer Halskette bemerke, über Kunst, über Paris, über Bier, über Luxusboutiquen, ihre Kunden und ihre Verkäufer. Wir spazieren Arm in Arm in Richtung Notre-Dame und schauen den Péniches mit ihren Touristen zu, den Gauklern, entdecken einen Dreh von Gossip Girl, setzen uns nieder am Ufer der Seine und ich hoffe, dass er keinen Versuch unternimmt, mich zu küssen, denn ich fühle mich fragil. Er will mich “selbstverständlich” nach Hause fahren, denn er will ein Gentleman sein, und so durchstreifen wir Paris auf seinem scooteur. Dabei verlieren wir uns und brauchen länger als nötig, um anzukommen. Ich vergesse mich, bin flirty, weil er es ist. Er streichelt mein Knie.
Ich steige vom scoot ab und bin total gut drauf, da fährt der Kumpel vor, der, mit dem ich in der Nacht zuvor noch das Deutschlandspiel verfolgt und über Musik diskutiert habe und der anscheinend immer noch nicht begreifen will, dass ich niemals mit ihm schlafen würde, auch wenn man mich alleine mit ihm in einen Darkroom einsperren würde. Alles zerbricht in Scherben und mit einem Mal ist mir alles ganz furchtbar peinlich. Mein Kumpel, der den eifersüchtigen Macker spielt, der bookeur, der versucht, charmant zu bleiben und nicht weiss, ob dies mein Freund ist oder nicht, ich mir selber, weil ich versuche, den Kumpel, den bookeur, mich und die ganze Situation zu retten und zu verteidigen. Der bookeur düst schliesslich davon, nachdem er mich auf die Wange geküsst und mir verträumt in die Augen geschaut hat und ich schaue ihm seufzend nach, denn ich fand den Abend cool.
Mein Kumpel sticht mit Wortnadeln in die Seifenblase, in der ich gerade bin und findet, ich würde bestimmt mit dem Typ da schlafen. Auch wenn das nicht der Fall ist und ich mich wiederum verteidige, denn was in der Fantasie abgeht, ist jawohl immer noch meine Sache. Und was er überhaupt hier so zufällig macht. Angeblich sei er in einem Café gewesen und nun auf dem Heimweg. Ich kann es nicht fassen. Der spioniert mir nach. Und ist eifersüchtig, jetzt nicht mehr auf meinen Freund, dessen Präsenz er inzwischen hingenommen hat, sondern jetzt auf jeden Kerl, der eine sexuelle Anziehung auf mich ausübt.
Das ist wie mit dem schwulen Kumpel von Stef. Das geht gut und er mag ihn, so lange alles im Rahmen einer normalen Kumpelfreundschaft abläuft. Sobald der andere irgendwelche Annäherungsversuche startet, beginnt er, sich zu ärgern und hat das Gefühl, der andere missbraucht sein Vertrauen. Mit diesem Kumpel verhält es sich in etwa ähnlich. Wir hatten eine coole Zeit und viel Spass, bis der da am Donnerstagabend die Eifersuchtsnummer abzieht.
Ich schreibe dem bookeur eine Textmitteilung und frage, ob er gut angekommen ist, einfach nur, um ihm zu zeigen, dass der Typ nicht mein Freund ist. Und er antwortet prompt und schreibt, dass er gerade im Begriff war, mich dasselbe zu fragen (vermutlich, um sich zu vergewissern, ob ich alleine das Haus betreten habe).
Ich fühle mich eigenartig, verwirrt, und ich sehe, dass Stef versucht hat, mich zu erreichen und ich schlucke einen Cocktail aus schlechtem Gewissen und reiner Freude. Ich klingle ihn an und er ruft mich zurück. Es ist schön, seine Stimme zu hören.